Weisshorn-Überschreitung

Weisshorn-Überschreitung

Hochtouren in den Walliser Alpen vom 04.-11.07.2019

Unsere Ausfahrt ins Wallis beginnt am Donnerstag Nachmittag im Münchener Norden. Die Straßen in die Schweiz sind erfreulich frei – trotzdem kommen wir erst spät an unserem ersten Akklimatisierungsstopp, dem Furkapass, an. So eine geschenkte Nacht auf knapp über 2400 m nimmt man doch gerne mit. Am nächsten Tag geht es weiter nach Zinal, wo unser Bus dann für den Rest der Zeit stehen bleibt. Wir packen unsere Rucksäcke für die Akklimatisierungstouren und wandern die gemütlichen 500 hm durch die herrliche Landschaft zur auf 2142 m gelegenen Cabane du Petit Mountet. Schon auf dem Weg erhaschen wir die ersten Blicke auf den Weisshorngipfel – mit gemischten Gefühlen. Die Wettervorhersagen sind alles andere als vielversprechend und so sind wir weit davon entfernt, uns sicher zu sein, dass wir den Anstieg überhaupt versuchen werden. Aber darüber wollen wir jetzt noch gar nicht nachdenken sondern uns vielmehr auf die Akklimatisierungstouren freuen.

Eingehtouren bei wechselhaftem Wetter

Nach einem angenehmen Aufenthalt auf der kleinen, schönen Hütte brechen wir am folgenden Morgen zu unserem nächsten Übernachtungsziel, der Cabane de Moiry (2825 m), auf. Steil steigen wir ins Col du Pigne (3137 m) auf und weiter über den NW-Grat in leichter Kraxelei zum Gipfel des Pigne de la Lé (3395 m). Die Aussicht auf die Walliser Prominenz ist atemberaubend. Zurück im Col beschließen wir spontan einer anderen Gruppe zu folgen, die offensichtlich eine Überschreitung der südlichen Köpfe der Aguilles de la Lé anstrebt. Der Tag ist ja noch jung und das Gelände sieht vielversprechend aus. Wir werden mit einer herrlichen Gratkletterei und spektakulären Tiefblicken auf den Glacier de Moiry belohnt. Eine ähnliche Aussicht bleibt uns dann auch für den Rest des Tages auf der Hüttenterrasse erhalten.

Der folgende Tag beginnt mit strömendem Regen. Völlig durchnässt kommen wir am Lac de Châteaupré (2350 m) und warten im Schutze des Toilettenhäuschens auf den Bus nach Zinal. Während der Fahrt wird das Wetter schnell wieder besser und so können wir zurück beim Auto unsere Sachen in der Sonne trocknen, während wir die Rucksäcke für den zweiten Teil der Unternehmung umpacken. Wir beschließen die Cabane de Tracuit (3256 m) als Stützpunkt für die weitere Akklimatisierung zu nutzen und auf ein Zeitfenster für die Überschreitung des Weisshorns zu hoffen. Das ursprünglich angedachte Biwak am Bishorn können wir bereits ausschließen. Die kommenden Nächte werden stürmisch und regnerisch und auch für die Nachmittage sind Gewitter vorhergesagt.

An den folgenden Tagen stehen die eher selten begangenen Hausberge der Hütte auf dem Plan. Wir beginnen mit dem markanten SO-Grat des Diablon des Dames (3537 m) und folgen dem Grat weiter zum Gipfel des Les Diablons (3609 m). Die einfache aber schöne Kletterei bietet bereits einen guten Vorgeschmack auf den Felsteil des Weisshorn NW-Grates. Am folgenden Tag widmen wir uns der zweiten Disziplin, die wir fürs Weisshorn brauchen werden, und besteigen den vergletscherten Tête de Milon (3693 m). Jeden Tag verfolgen wir gespannt den Wetterbericht. Das für Mittwoch angesagte Schönwetterfenster wird immer wahrscheinlicher und so sind wir guter Dinge, als wir am Dienstag Abend unsere Wecker auf 1:50 Uhr stellen.

Abenteuer Weisshorn

Neun Bergsteiger finden sich um 2 Uhr im Frühstücksraum ein. Gesprochen wird nicht viel – ob das der bevorstehenden Tour oder doch einfach nur der Uhrzeit geschuldet ist, bleibt jedoch ungewiss. Als letzte Seilschaft verlassen wir um 2:43 Uhr die Hütte und betreten nur wenige Schritte später den Gletscher des Bishorn. Im Licht der Stirnlampen legen wir gemächlich aber stetig die 900 hm zum Gipfel (4151 m) zurück. Ein schmaler heller Streifen kündigt am östlichen Horizont den Tag an und taucht die Wolken im Tal in rötliches Licht. Nur wenig später erreichen uns im Weisshornjoch die ersten Sonnenstrahlen. Der Blick auf unser im Morgenlicht leuchtendes Tagesziel ist atemberaubend und lässt uns bereits erahnen, was uns noch bevorsteht.

Der einfache Firngrat, unterbrochen von unschwieriger Kraxelei, ist bestens zum Eingewöhnen geeignet. Auch die erste anspruchsvoll anmutende Stelle am Übergang zum Felsteil entpuppt sich als unproblematisch. Nach den zwei Abseilstellen beginnt das eigentliche Abenteuer im Fels. Teils seilfrei, teils sichernd oder gestaffelt bewegen wir uns weit über den Gletschern links und rechts bis hin zur Schlüsselstelle unterhalb des Grand Gendarme (4329 m). Die Kletterei ist überraschend abdrängend für eine III+, wie die Stelle im schweizer Führer bewertet ist. Auch eine IV-, wie man sie in manch anderer Beschreibung findet, ist gefühlt eine recht freundliche Bewertung, wenn man nicht jeden Griff bereits kennt. Aber am Ende sind sie dann schon da, die Henkel. Wer suchet, der findet.

Ein scharfer Grat

Vorbei am markanten Turm des Grand Gendarme gelangen wir schließlich zurück auf den Firngrat. Das Seil wird wieder verstaut, die Steigeisen angelegt und der Pickel zur Hand genommen. Gemeinsam und doch jeder für sich gehen wir dem Gipfel entgegen. Schnell entpuppt sich der Grat als extrem schmal. Besonders in den horizontalen Passagen, wo teilweise die Füße nicht einmal mehr auf, sondern nur noch rechts und links der Firnschneide Platz finden, trägt der böige Wind nicht unbedingt zum Wohlbefinden bei. Die Dankbarkeit und Freude, auf dieser großartigen Himmelsleiter zu stehen, wechseln sich mit Angst und Ehrfurcht ab. Schritt für Schritt geht es mit voller Konzentration auf das Hier und Jetzt dem Gipfel entgegen – ab und an innehaltend, um die atemberaubende Aussicht zu genießen. Entspannung stellt sich nur ein, wenn es einmal ein paar Meter etwas breiter oder wenigstens steiler wird. Besonders willkommen ist die Pause hinter dem kleinen Felsturm kurz vor dem Gipfel. Hier ist es sogar windstill – zumindest für zwei von uns dreien. Noch eine letzte Querung und ein paar Meter balancieren und der Rest zum Gipfel ist geschafft. Fast. Es wartet noch ein unkonventioneller Aufschwung auf den Gipfelblock. Nach 9 Stunden stehen wir auf dem Weisshorn (4506 m).

Wir gönnen uns eine ausgedehnte Pause (10 min) – verzichten dann aber doch darauf, den eigens mit hoch getragenen Rotwein schon am Gipfel zu trinken. Schließlich lässt der Blick über den Ostgrat bis nach Randa hinab schon vermuten, was uns noch bevorsteht. Die Hoffnung eines deutlich einfacheren Abstiegs geben wir schnell auf. Auch hier beschränkt es sich nicht auf die erwarteten Einzelschwierigkeiten, sondern es ist weiterhin durchgehend volle Konzentration gefragt.

Auch der Abstieg ist lang

Die steile Firnflanke ist zum Glück noch nicht ganz aper. Eine große Spalte und der Bergschrund sind abkletternd zu überwinden. Das von oben schmal aussehende letzte Stück Firn fühlt sich dafür entspannt breit an. Auf dem Felsgrat seilen wir mehrfach ab. Auch nach dem Frühstücksplatz (3914 m) ist noch weiterhin Konzentration angesagt. Es geht steil hinab durch wesentlich einfacheres aber sehr brüchiges Gelände. Die schlechte Felsqualität wird durch einen von der kurz zuvor überholten Gruppe über uns ausgelösten Steinschlag sehr deutlich. Auf Stein folgt Firn – auf Firn folgt Stein. Irgendwann erreichen wir nach 14:30 h die Weisshornhütte 2933 m. Radler. Ratschen. Abstieg. Die Landschaft ist so wunderschön, dass wir sie trotz der schmerzenden Fußsohlen noch zu schätzen wissen. Wir sind froh, nicht den unspektakulären Aufstieg auf der anderen Seite wieder abzusteigen. Nach über 3300 hm Abstieg und 17:30 h auf den Beinen kommen wir in Randa (1404 m) an. Wir stellen fest, dass der kleine Ort völlig ausgebucht ist und müssen mit dem Zug nach Zermatt weiterfahren, um eine Bleibe zu finden. Wir haben Glück und landen in einem sehr schönen kleinen Hotel. Den Luxus der Zimmer können wir nach den letzten Tagen im Schlafsaal kaum glauben.

Dusche. Rotwein. Bett. Geil.

Fazit

Rückblickend war es eine Tour, die uns immer in Erinnerung bleiben wird. Wir wissen jetzt, wie schmal ein Firngrat werden kann und haben bewiesen, dass wir damit klarkommen – in Zukunft darf es also etwas breiter bleiben… Besonders schön war auch die Kombination aus zwei Überschreitungen von Zinal in die jeweiligen Nachbartäler. Durch die gute öffentliche Anbindung in der Schweiz ließ sich dies ohne große logistische Anstrengung gut bewerkstelligen.

Es sei noch erwähnt, dass wir beim Schreiben des Berichts das Thema, völlig durchnässt in einem Toilettenhäuschen zu verweilen, wieder aufgreifen durften, nachdem wir buchstäblich aus dem Biergarten gespült wurden, in dem wir ihn eigentlich gemütlich in der Sonne schreiben wollten…

 

Christoph Leidig, Stefan Lusser, Uli Napoléon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll to Top