Herzogkante im Winter


Den Plan, oder besser den Wunsch, die Herzogkante einmal im Winter zu klettern hatte ich ja schon lange. Dann kam mein Sturz in der Rien ne va plus, die Kollateralschäden erwiesen sich doch als nicht so unerheblich. Und so habe ich nun zwei Jahre mehr oder weniger nichts gemacht. Zumindest „nix G’scheits“.

Das Wetter war Anfang Dezember traumhaft im Gebirg, und so bin ich mal wieder zu Falkenhütte hinauf. Ging sogar erstaunlich gut. Und die Kante sah so verlockend aus. Trocken, wenig Schnee und nicht so bitter kalt.

Also habe ich den Berni gefragt, ob er Lust hat. Ja, hat er! Einen Plan ausgeheckt wie es gehen könnte und wie besser nicht, was man braucht und was nicht.
Und so geht’s bei schönstem Wetter hinein ins winterlich-einsame Karwendel.
Gemütlich hatschen wir hinauf, freuen uns über’s Karwendel und nachmittags sind wir beim Horst-Wels-Haus, dem Winterraum der Falkenhütte.

Im Hüttenbuch beklagen sich die Besucher schon seit geraumer Zeit, dass kein Beil da sei. Wir haben eines mitgebracht und gleich als Spende oben gelassen. Bald ist’s kuschlig warm. Wir breiten die Ausrüstung auf dem Tisch aus. Merkwürdiger Weise fehlen ein paar Sachen, seit ich vor wenigen Tagen schon mal Seile und Material hier deponiert habe. Extra mit einem Zettel dran „bitte nix wegnehmen…“. Jetzt haben wir ein paar Friends und Karabiner sowie ein Sicherungsgerät weniger. Vielleicht habe ich die Sachen ja irgendwo hin verlegt. Falls nicht wär’s schon traurig.
Gerade viel ist’s nicht was wir da jetzt noch so haben…

Das Feuer kracht im Ofen, wir haben von zuhause Geschnetzeltes mit Schwammerl dabei und Berni besteht auf 400 Gramm Nudeln. Satt wär ma dann schon mal!
Herzlichen Dank an dieser Stelle der Sektion Oberland für den schönen Winterraum, uns ging’s prima!
Langsam schält sich am Morgen das erste Licht aus einer sternklaren Nacht. Tolle Stimmung.

Auf dem Weg zum Einstieg streift das erste Sonnenlicht die Gipfel.

Und dann geht’s auch endlich los. Wir spüren zwar die Anspannung, aber Stress haben wir nicht.

Die Kletterei läuft gut. Trotzdem kommt es uns beiden viel anspruchsvoller als im Sommer vor. Vielleicht dauert’s auch deswegen heute länger.

Der Fels ist größtenteils trocken, aber alles was im Sommer als Grifferl oder Trittchen herhält ist jetzt mit einer feinen Eisschickt überzogen. Die flacheren Passagen sind oft unter Firn verborgen, und damit auch die sonst willkommenen Standhaken. Eigeninitiative ist gefragt. So bekommt die Kante unter anderem einen neuen Schlaghakenstand. Unsere Priorität für diese Tour war klar. Zuerst Sicherheit: Keine Experimente, kein Risiko.

So entscheide ich mich unter dem ohnehin unangenehmen und heute stark vereistem Fünfer-Riss in der zehnten Seillänge für ein Ausweichen nach rechts. Hier gibt es eine Variante, das weiß ich. Vielleicht sieht die ja besser aus.

Ich klettere einen Schlaghaken an, das ist etwas „eirig“. Weiter einen steilen Piazriss hoch, da steckt noch so ein Wackl-Hakl, dann Riss, noch mehr Riss und nach 60 mtr. Seil aus. Ich dresche wie ein Berserker auf den neuen Profilhaken ein, der so laut singt dass es mir in den Ohren klingelt. Noch einen zweiten dazu und oben noch ein Keilchen drauf, fertig ist der neue Variantenstand.

Berni schnaubt auch ganz schön bis er am Stand ist. Immerhin konnten wir so den unangenehmen, schlecht gesicherten fünfer Riss durch einen noch unangenehmeren, noch schlechter gesicherten sechser Riss mit anschließendem neu zu schaffendem Stand umgehen. Klasse!

Es folgt eine kurze Querung nach links zurück an die Kante. Mittlerweile streifen ein paar Sonnenstrahlen den oberen Kantenteil, leider immer eine halbe Seillänge über uns. Das Ambiente ist klasse!

Oben die Sonne, wir im Schatten, langsam wird’s Zeit dass wir rauskommen. Mit Vollgas ist aber nicht viel. Das Klettern verlangt (zumindest uns) ein hohes Maß an Konzentration ab. Ständig auf den vereisten Tritten rum eiern, und nicht alles was wackelt ist am Schluss auch fest.

Langsam aber sicher wird die Kante blasser, das Tal unten dunkler und die umliegenden Gipfel beginnen zu in der Nachmittagssonne zu strahlen. Schon schön. Andererseits mahnt es uns nicht rumzutrödeln.

Ich merke dass meine Konzentration nach 15 Seillängen Vorsteigen nachlässt. Fehler machen ist hier aber blöd. Also frage ich Berni, ob er die letzte schwere Längen, die Querung und Verschneidung in der Nordwand, für mich übernehmen kann. Er wills probieren. Bild ist unscharf, trifft’s aber gut.

Er schiebt sich links hinaus in die Nordwand, probiert in die Verschneidung zu kommen. Dann entscheidet er: Nein.
Zurück bei mir am Stand ist es mittlerweile dunkel. Kein Wunder, heute ist schließlich der kürzeste Tag des Jahres. Ich rauche erst einmal eine. Dunkel ist es heute noch lange genug, ist ja auch die längste Nacht des Jahres. Da haben wir keinen Zeitstress. Dann schiebe ich mich in die Verschneidung hinüber. Läuft prima, auch im Stirnlampenschein. Gut zu erkennen auf dem Bild: Dunkelheit & Stirnlampe

Danach noch eine etwas heiklere Seillänge zurück an die Kante. Dann übernimmt Berni für die letzten 50 Meter. Ich bin ihm echt dankbar dafür! Ich wollte einfach keinen Stress mehr haben. Noch ein paar Meter Gehgelände und wir sind oben. Zwar im Dunkeln, aber froh und zufrieden.

Für den Abstieg zur Biwakschachtel sind wir froh um unsere Eisbeile. Im Dunkeln ist’s irgendwie immer steiler… oder liegt’s doch daran wie man den Foto hält?

In der Biwakschachtel ist’s gemütlich, sogar elektrisches Licht hätte es gegeben wenn wir nur den Schalter angemacht hätten….
Aber so ist auch schön und sogar bissal romantischer

Wir verbringen eine erholsame Nacht mit 100.000 Sternen über uns. Der große Wagen setzt grade zum Highsider an. Einfach wunderbar. Wie gut dass es die Schachtel gibt. Herzlichen Dank an alle die sich um sie kümmern. Die alten Eintragungen im Hüttenbuch rufen Erinnerungen wach. Karwendel! Wer braucht da schon Karakorum?
Wir schlafen gemütlich aus, der nächste morgen ist wie für uns gemacht.

Der Blick von oben in der Nordwand ist immer wieder bissal schaurig, darunter friedlich die Falkenhütte. Großartig: Wildes Gebirg‘, großes Kino!

Am liebsten würde ich hier bleiben.

Hinunter ist’s teilweise etwas mühsam, aber im Großen und Ganzen harmlos.
Je weiter wir hinunter kommen, um so weniger Schnee liegt hier auf der Südseite, und so stehen wir nach 1,5 Stunden unten im Roßloch. Jetzt nur das Hinterautal raus laufen. Wer nimmt schon auf ne Winterbegehung Turnschuhe mit? Wir schon!
Nach weiteren 3,5 Stunden sind wir am vorgestern deponierten Auto. Wir brauchen wenigstens keine Esel…

Hintergrundinfos zu den Winterbegehungen der Herzogkante (ohne Gewähr…)

1. 1948 Hermann Buhl mit Waldemar („Waldi“) Gruber

In zwei Tagen bewältigen sie die Kante und steigen übers Roßloch ab. Eine Woche später begeht er die Nordostkante der großen Ochsenwand, bekannt geworden als die „kalte Kante“. Ein Jahr später, im Winter 1949 überschritt Hermann Buhl in 33 Stunden 25 Gipfel der Gleirschkette. Er arbeitete zu dieser Zeit auf der Glungezerhütte als Träger.

2.  1975/76 Andreas & Sebastian Schrank (die „Schränke“), Peter Pruckner

Die damals 16 und 17-jährigen wollten gerne Mitglied im Münchner Kletterer-Club „Rosarote Panther“ werden, wurden aber trotz beachtlichen Kletterkönnens abgelehnt. Das war Ansporn genug für Härteres, längeres, schwierigeres…die Herzogkante im Winter: „Da haben sie dann ganz schön geschaut! Nachher hat sich keiner mehr über uns „Kids“ lustig gemacht“ (Peter Pruckner).

3. 1987 Robert Rauch, Norbert Swoboda, Andi Daffner & Franz Perchtold „Hasi“

Kurz nach der Veröffentlichung auf dem Blog erhielt ich eine Nachricht von Robert, dass auch er im Winter die Kante gemacht hatte. Somit verschieben sich die weiteren Begehungen. Hier sein Bericht:

Hallo Walter, das Jahr weiss ich nicht mehr. Irgendwie 1987 oder so- nach Weihnachten in den Feiertagen. Wir hatten ordentlich Schnee, sind aber zu viert gewesen und mit Schiern aufgestiegen. Das Schloss von der Tuer zum Winterraum war kaputt. Wir haben es ausgebaut um rein zu kommen. Als wir drin waren sahen wir erst dass ein Fenster eingeschlagen war (und verstanden in dem Moment absolut warum). Haben alles im Huettenbuch eingetragen, das Schloss konnten wir innerhalb einer Stunde oder so ausbauen, reinbekommen haben wir es nicht mehr (mit Eisgeraeten als Werkzeug war es auch nicht ganz so einfach!). In der Frueh sind wir eingestiegen, am Nachmittag wasren wir draussen. 7 Std. haben wir gebraucht. Wir haben im unteren Teil Schwierigkeiten mit angewehtem Schnee gehabt, da waren ein Paar schwierige Stellen dabei. Der Riss dem Ihr ausgewichen seid (der ist ja schwieriger, also trifft es ausweichen nicht ganz, aber manchmal finde ich die Deutschen Worte nicht mehr auf Anhieb). Den Riss, und die ganze Route sind wir mit Steigeisen geklettert. Uebernachtet haben wir in der Biwakschachtel. Am Tag darauf sind wir nach Scharnitz raus gegangen. Es war doch viel leichter zu viert mit dem Spuren. Ich hab den Autoschluessel vom in Scharnitz geparkten Auto in meinem Lastwagen vergessen (war absolut mein Fehler wenn ich mich richtig erinnere). So sind die anderen in Mittenwald in einer Kneipe eingekehrt und mich hat ein nachbar zurueck nach Vorderriss gefahren. War nicht mein Auto, bin nie mit ihm gefahren und die Sommerreifen waren total abgefahren. In der Tour hatte ich keine Angst, mit dem Auto nach Mittenwald zu fahren war der Horror, da sind doch einige downhill Einlagen auf Eis und Schnee dabei gewesen wo ich mir ueberlegte ob ich das Auto nicht einfach stehen lassen sollte. Die Schi von mir und den anderen habe ich aneinem anderen Tag geholt. Als Landschaftsgaertner hat man im Winter viel Zeit, und damals hatte ich einen kleinen Gartenbaubetrieb den mir der liebe Deutsche Staaat spaeter gruendlich zerschlagen hat. Auf den Bildern von Euch habe ich so ziemlich alle Stellen erkannt. Wie man sich an sowas nach so langer Zeit noch genau erinnern kann! Nun fallen mir vielleicht noch die Namen ein. ich war mit Norbert Swoboda am Seil. Einer von den anderen hiess Hasi (ist ein Spitzname) und der andere hiess Andi Daffner. Gruesse aus Lima/ Peru Robert

4. 15.2.2014 Roli Striemitzer & Sebastian Posch („Sonne“)

Über die Mitglieder der „alpinen Bande“ braucht man an dieser Stelle wohl nicht viel zu verlieren. Top Alpinisten, spitzenmäßige Leistungen und Ideen. Wohl das beste was Nicht-Profi-Bergsteiger derzeit so zerreißen. In einem Tag im Februar hinauf und über den Rambokamin wieder hinunter.

5. 16.2.2015 Hansjörg Auer u. Gefährten

Auch über Hansjörg muss man nicht all zu viel sagen. Was vielleicht nicht alle wissen: Hansjörg ist ein alter Karwendler. Zum Beispiel Schmid Krebs in 3,5h. Viele großen Linien an den Laliderern hat er gemacht, so z. B. die vierte oder fünfte Gesamtbegehung von Inferno & Extase an der Grubenkarspitze. Die WInterbegehung der Kante war eher eine „Verlegenheitsaktion“, ursprünglich war die Schmid-Krebs geplant. Hansjörg bezeichnete die Kante als „scary“.

6. 21.12.2016 Walter Lackermayr & Bernhard Voss

Lange geplante Unternehmung die nun endlich geklappt hat. Im Gipfelbuch steht die Tour für unseren neuen Club „DAV Alpinistenclub“

Nachtrag:

Traurig aber wahr: Nachdem ich heute nochmal auf der Hütte war und alles abgesucht habe scheint es tatsächlich so zu sein, dass uns ein Teil des am 13.12. deponierte Metrials geklaut wurde: Friends BD 1 & 2, Tube Sicherungsgerät Reverso von BD orange mit blauer Kevlarschnur dran und ein paar Sachen mehr. Richtig mies finde ich, dass ich einen Zettel auf das Material gelegt habe: „…bitte liegen lassen, wird für Winternegehung benötigt….“ Auf den BD Friends ist übrigens WL eingschlagen….

Berni hat gemeint: „So hat des ned ausgschaut als wir raufgekommen sind“
Was für Leut‘ sind da nur unterwegs? Ich finds a Riesen-Sauerei…

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