Skihochtour Wildspitze am 17./18.04.2026
Mit der Wildspitze hatte ich bislang kein Glück. Schon dreimal musste ich vor dem Gipfel umdrehen. Einmal wegen schlechter Verhältnisse, einmal wegen des Wetters, einmal aufgrund von Problemen mit der Skibindung. Nun wurde es Zeit, es wieder zu probieren.
Als ich Freitagnachmittag gegen 16:20 Uhr in Mittelberg auf die Ski stieg, lag schon einiges an Vorbereitung und Planung hinter uns. Die Skitour zur Wildspitze übers Taschachhaus hatte ich als Gemeinschaftstour eingebracht. Daher fühlte ich mich dafür verantwortlich, eine risikoarme Durchführung sicherzustellen. Und bei den schwierigen Schneeverhältnissen in diesem Winter war das nicht ganz trivial.
Die lawinentechnische Schlüsselstelle schien uns der steile Nordhang zu sein, den man vom Taschachhaus zum Taschachferner queren muss. Würden wir den frühmorgens vor Ort sinnvoll beurteilen können? Und was wäre der Plan B? Oder sollten wir doch aufs Skigebiet ausweichen? Nicht so ganz einfach. Am Ende erklärten sich David und Stefan dankenswerterweise bereit, schon Freitag früh aufzusteigen, den Hang in Augenschein zu nehmen und mich anzurufen. Für einen weiteren Teilnehmer war das leider zu kurzfristig, aber bei Lawinenwarnstufe 3 schien uns das die sinnvollste Variante zu sein.
Freitagmittag kam dann der Anruf. Der Hang hatte sich bereits entladen und der Weg war frei. Also ab ins Auto und ins Pitztal.
So ging ich dann nachmittags bei herrlichem Wetter ins Taschachtal. Niemand sonst war hier unterwegs und ich hatte die ganze Kulisse für mich. Die steilen Hänge links und rechts waren teilweise schon schneefrei und zeigten sich frühlingshaft. Währenddessen regierte am Talboden und in den Höhenlagen der Gipfel noch der Winter. Ich mag diese Kontraste im Frühling. Zwischen Weiß und Grün, lebendig und erstarrt, kalt und warm.


Das Tal zieht sich zunächst einige Kilometer flach dahin. Der Blick bleibt dabei auf die steile Bastion von Urkundkopf und Pitztaler Urkund gerichtet, die wie eine Insel zwischen den Tälern von Taschachbach und Sexegertenbach liegt und an deren Fuß das Taschachhaus liegt. Dahinter ragen die vergletscherten Spitzen von Hochvernagtwand und Hochvernaglspitze empor, die die Kulisse des Talschlusses abrunden.

Ein Nachteil des angenehm warmen Nachmittags war eine erhöhte Gefahr von Nassschneelawinen. Daher galt es, im Bereich der früheren Seitenmoräne des Taschachferners einen Anstieg über möglichst flache Hänge zu suchen. Am Ende der Fahrstraße angekommen, beschloss ich daher, am Sexegertenbach weiter aufzusteigen. Das war eindeutig die ungefährlichste Variante. Trotzdem fand ich hier keine Spur und musste durch den sumpfigen Nachmittagsschnee ein wenig arbeiten.
Besonders unangenehm war nach der ersten Stufe die Überquerung des Baches, die mir einigermaßen nasse Füße einbrachte. Anschließend ging es dann entspannter weiter. Ich suchte mir wieder möglichst flache Hänge, gewann schließlich die Moränenschneide und erreichte 19:15 Uhr das Winterhaus des Taschachhauses (2432 m). Hier hatten sich David und Stefan bereits eingerichtet. Außer ihnen waren nur noch zwei weitere Bergfreunde zugegen, mit denen wir uns in dieser großzügigen Winterunterkunft nicht in die Quere kamen.
Nach einer recht angenehmen Nacht starten wir Samstag früh 06:15 Uhr zu unserem Gipfelversuch. Zunächst fuhren wir knapp 100 Höhenmeter zur Moräne ab, dann gingen wir den Aufstieg an. Am Ende der Moräne erwartete uns der lawinentechnische „Schlüsselhang“, der auch die anspruchsvollste Passage der Tour darstellte. Teils durch Lawinenboller, teils über unangenehm glatte und harte Hänge, folgten wir einer älteren Spur durch den Hang. Das machte wenig Spaß, war aber auch der einzige derartige Abschnitt der Tour.



Nun ging es weiter über einige Kuppen und dann erreichten wir die weiten, gleichmäßigen Hänge des Taschachferners. Dieser hat durchaus größere Spalten zu bieten. Doch jetzt, mit einer stabilen, gefrorenen Schneedecke, präsentierte er sich geradezu friedlich. Eine spätwinterliche Traumlandschaft lag um uns herum. Die riesige, wenig steile Gletscherfläche, dazwischen wilde Eisbrüche und darüber schneebedeckte, felsdurchsetzte Gipfel. So viel Hochgebirgsambiente hatte ich schon lange nicht mehr.


Zuletzt hatten wir unterhalb des Lawinenhanges andere Tourengeher getroffen, von denen inzwischen aber nichts mehr zu sehen war. Seitdem waren wir ganz für uns durch diese großartige Landschaft gewandert. Doch das sollte sich bald ändern. Aus dem Augenwinkel sah ich einen ersten Skifahrer aus dem Mittelbergjoch zum Gletscher abfahren. Kurz darauf noch einen, dann eine kleine Gruppe, eine größere Gruppe und immer mehr. „Wie die Lemminge“, meinte Stefan.
Auf der flachen Gletscherfläche sammelten sich bald diverse Gruppen, die ihre Ski auffellten und sich in Richtung Wildspitze aufmachten. Die Ersten gingen bald weiter, immer neue kamen hinzu. Und auch wir reihten uns schließlich ein in diesen Massen-Gipfelsturm.



Leider setzte mir heute die Höhe mal wieder deutlich zu und ich musste sehr langsam gehen. Auch Stefan hatte ein wenig zu kämpfen, David hingegen schien die Höhe gar nichts auszumachen. Es war ein wenig frustrierend für mich, ständig von Tourengängern aus dem Skigebiet überholt zu werden. Aber es half ja nichts, also ging ich mein Tempo konsequent weiter.
Immerhin ging der steile Spitzkehrenhang ins oberste Firnbecken dann besser als erwartet, und kurz darauf erreichte ich auch endlich das stark bevölkerte Skidepot. Wie am Stachus ging es da zu und weiter oben wurde es nicht besser. Die kurze Kraxelstelle am Gipfelgrat sah fast aus wie der Hillary Step Mitte Mai. Irre, wie viel heute los war!


Stefan hatte keine Lust auf diesen Wahnsinn. David und ich hingegen wollten trotzdem zum höchsten Punkt. Also tauschten wir Ski gegen Steigeisen und stapften bald den gut gespurten Grat bergan. Sehr auffällig war, wie viele Bergsteiger ich dort sah, die ihre Steigeisen unterwegs richten mussten. Einer Bergsteigerin klappte das Eisen an einer nicht unkritischen Stelle vom Schuh. Zum Glück war ein Bergführer direkt hinter ihr und konnte es an Ort und Stelle wieder befestigen. Seltsam, in der Häufung ist mir das noch nie untergekommen.

Glücklicherweise erreichte ich ohne derartige Probleme die Kraxelstelle (II), an der sich in beide Richtungen ein ansehnlicher Stau gebildet hatte. Danach war es dann nicht mehr weit zum Gipfelkreuz (3768 m), an dem wir kurz nach 11:30 Uhr ankamen. Und trotz des gewaltigen Gwurls dort oben habe ich mich riesig gefreut, im vierten Anlauf endlich den Gipfel zu erreichen. Über 15 Jahre nach meinem ersten Versuch an diesem Berg. Super – endlich Wildspitze!
Ich freute mich still über diesen Erfolg und staunte über die Aussicht. Die Fernsicht war nämlich fantastisch. Wir standen hier hoch über einem Meer aus schneebedeckten Gipfeln, das sich in alle Richtungen ausbreitete. Dann schoss ich mühsam ein paar Fotos, ohne diverse andere Bergfreunde mit im Bild zu haben.



Für eine ausgiebige Gipfelpause war dann aber doch zu viel los. Also stiegen wir bald wieder ab zum Skidepot. Dort freute sich Stefan, bald abzufahren, denn mit der Zeit wurde es hier im Wind doch recht kalt. Also kurz einen Happen einwerfen, Steigeisen wegpacken und auf die Ski steigen.
Und dann ging es los. Und zwar richtig schön. Meine Bedenken, ob ich nach dem anstrengenden Aufstieg noch vernünftig Ski fahren könnte, verflogen bald. Die Verhältnisse waren ausgezeichnet, und ich hatte noch ausreichend Kraft, um vernünftig zu fahren. In einer weniger befahrenen Passage fanden wir sogar noch eine dünne Pulverauflage, die so richtig Spaß machte. Später surften wir über endlose, fantastische Firnhänge. Und das alles in dieser majestätischen Gletscherszenerie. Sicherlich eine meiner schönsten Abfahrten überhaupt.


Doch irgendwann hört auch der schönste Gletscher einmal auf. Nach dem Steilstück in den Talgrund machten wir kurz Pause. Und warfen noch einen letzten Blick zurück in die wunderbare Winterwelt rund um den Taschachferner. Dann wandten wir uns dem flachen Taschachtal zu. Da ich nicht vernünftig skaten kann, musste ich mich auf den Schiebestrecken recht mühen. Und David und Stefan immer mal wieder auf mich warten.

Kurz vor 14:00 Uhr kamen wir schließlich sehr zufrieden in Mittelberg an. Zurück im Frühling, mit Grün und Wärme. Ja, ich mag diese Kontraste im Frühling. Beschwingt traten wir später die Heimfahrt an. Ich vielleicht besonders. Dreimal umgedreht und jetzt endlich oben. Und dazu noch an einem fast perfekten Tourentag. Gut, ein bisserl voll war’s, aber das konnte ich verschmerzen.
Text: Hannes Gostner
Fotos: Hannes Gostner, Stefan
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