Sommerklassiker mal im Winter

Sommerklassiker mal im Winter

Winterbergsteigen in Wetterstein & Karwendel

Nachdem es nicht möglich war, nach Tirol zu reisen, da wegen einer Pandemie die Grenzen geschlossen waren, waren soviele Menschen wie noch nie zuvor in den deutschen Bergen unterwegs. Schon vor Grenzschließung bin ich gern überwiegend zwischen Plansee und Achensee in den Bergen unterwegs gewesen und habe die Einschnitte bei der Tourenwahl nicht ganz so stark erlebt wie viele Andere.

In den letzten Jahren habe ich immer mehr das Winterbergsteigen für mich entdeckt. Da es bei mir mit dem Skifahren nicht so gut klappt, bin ich dabei überwiegend zu Fuß unterwegs, was es schwerer macht, Leute für Unternehmungen zu begeistern. Ist halt doch anstrengend, kalt und nicht immer klar, ob man bis zum Gipfel kommt. So waren für diesen Winter genug unabgehakte Ziele auf der Liste – darunter die Obere Wettersteinspitze, bei der ich die Jahre zuvor jedes Mal wegen unterschiedlichen Gründen abgebrochen hatte.

Saisonstart: Obere Wettersteinspitze

Mitte Dezember gelang es mir, im Alleingang meine Wunschlinie zu besteigen – den direkten Aufstieg vom Gamskar über den Gamsanger und weiter bis zum Gipfel. Dabei verfolgte ich nicht den Sommerweg mit der langen Querung, die am rechten Teil des Kessels beginnt und einmal durch die Abbrüche nach links zieht, sondern hielt mich an die linke der drei Schneerinnen. Je nach Schnee und Linienwahl gibt es ein paar Felsstufen bis in den IV. Grad, die man überklettern muss.

Nach diesem erfolgreichen Start in die Wintersaison meldete sich der Sektionskollege Dirk und fragte, ob ich nicht Lust auf eine gemeinsame Winterunternehmung hätte. Er hatte die Wettersteinspitze eine Woche nach mir bestiegen und hatte Lust auf mehr.

Obere Wettersteinspitze
Wettersteinspitze im Jahr zuvor. Mein Weg führte durch die linke Rinne, jedoch mit weniger Schnee.

Wegen ziemlich starken Schneefalls und hoher Lawinenwarnstufe war an eine baldige Unternehmung zuerst nicht zu denken. Im Februar wollte ich eigentlich den Wettersteingrat angehen und fragte bei Dirk an. Da er leider nur einen Tag Zeit hatte, war schnell eine Alternative gefunden: Es sollte der Wörner werden. Nach kurzer Recherche im Internet stellte sich heraus, dass es schon mehrere Bergsteiger diesen Winter probiert hatten, aber keiner so wirklich Glück hatte. Man merkte deutlich, dass viel mehr Menschen diesen Winter auf nähere Berge auswichen. Hatte ich mir die Jahre zuvor schwer getan, Partner, Informationen und Berichte zu finden, hatte ich diesmal kein Problem.

Erster Versuch am Wörner

Unsere Tour orientierte sich am Normalweg, das hieß zuerst mal an der Hochlandhütte vorbei bis zum Wörnersattel. Nachdem ein großer Teil der Schulter nach Nord – Nordwest ausgerichtet ist, starteten wir früh, da ab Mittag der Auf- und  Abstiegsweg in der Sonne liegt.

Es herrschten ziemlich gute Schneeverhältnisse und wir kamen ohne Schneeschuhe oder Ski sehr gut voran. Am Sattel zogen wir Steigeisen an und nahmen den Pickel in die Hand. Wir folgten frischen Spuren von zwei anderen Bergsteigern, die wir schon beim Aufstieg beobachtet hatten.

Über die Schulter mit breiten Schneefeldern, die immer mal wieder mit Felsen durchsetzt waren, ging es zunächst abwechslungsreich, aber nicht schwer nach oben. Auf ca. 2300 Hm fängt der Sommerweg an sich vom Grat abzuwenden und führt mit einer ziemlich langen Querung in die Westwand des Berges. Dabei folgt man einem Band, das mit steilen Felsen nach oben und unten abbricht und mit Schnee unmöglich zu erkennen war.

Kurz davor begegneten wir den anderen Bergsteigern, die umgedreht waren. Schnell erreichten wir den Punkt, an dem die Fußspuren endeten. Die Route wurde von der Wegfindung her immer komplexer. Es stellte sich eine kurze steile Rinne in den Weg, die weiter oben in Fels überging, die aber nach 10 m einen seitlichen Ausstieg, der leicht überwecht war, bot. Durch seitliches Aufsteigen und Traversieren konnten wir schließlich die Wechte durchbrechen und erreichten ein ebenes Stück. Von dort ging es unschwierig durch Schneerinnen schnell nach oben, doch leider erkannten wir zu spät, dass dieser Weg uns nur zum Vorgipfel führen würde. Dort angekommen wussten wir, dass der Weg zurück zum Sommerweg, das uns-durch-den-Schnee-Wühlen in den Rippen der Querung zu viel Zeit kosten würde und wir den Gipfel deshalb nicht mehr erreichen würden.

Wörner
Wörner morgens vom Sattel aus.
Anstieg Wörner
Dirk im unteren Teil des Anstiegs
Gully Wörner
Einstieg in das Gully, das zum Gipfel leitet.
Gully Wörner
Einstieg in das Gully
Aufstieg Wörner
Im Aufstieg durch das Gully

 

 

Gipfelaufbau Wörner
Gipfelaufbau in der Übersicht

 

 

 

 

 

 

 

 

Die einzige Möglichkeit, die von unserer Position aus noch in Frage kam, war, etwas abzusteigen und in einem weiter rechts liegenden engen Gully nach oben zu klettern. Die Hauptschwierigkeiten waren dabei die ersten 15 m zu übwinden, die teilweise brüchigen steilen Fels aufwiesen, bevor der Gully breiter werden würde. 

Ich wollte das Ganze einmal probieren und Dirk wollte dann entscheiden, ob er nachkäme oder besser warten würde. So schob ich mich in Kaminklettertechnik und mit Frontzacken auf kleinen Leisten stemmend und spreizend nach oben. Da die Schwierigkeiten durchwegs anhaltend und es von oben betrachtet recht steil war, würde ich die Kletterei in etwa mit M4 einstufen und als nahe an der Grenze dessen, was für mich ohne Seil noch machbar war. Als die Kletterschwierigkeiten abnahmen, stand Schneewühlen bis zum Gipfel an. Nachdem die Schneequalität immer schlechter wurde, ich immer langsamer und die Sonne mehr zunahm, dachte ich mehr und mehr ans Umdrehen, auch wenn es nur noch 30 m waren. Man will ja irgendwie seinen Kollegen auch nicht ewig warten lassen. Also machte ich mich an das bedachte Abklettern, was sich natürlich als schwerer herausstellte als der Weg nach oben und was ich ungerne so wiederholen würde.

Wörner Abstieg
Im Abstieg unter dem Gully
Abstieg Wörner
Zurück zu Dirk in die Sonne
Abstieg Wörner
Unsere Spuren, wo wir die Wechte durchbrechen mussten.

 

 

 

 

 

 

Dirk hatte inzwischen eine gute Umgehung zu der steilen kurzen Rinne gefunden und es sich in der Sonne gemütlich gemacht. All zu lange wollten wir dort nicht bleiben und machten uns schnell an den restlichen Abstieg. 

Als wir unterhalb des Wörnersattels in Richtung Hochlandhütte unterwegs waren – die Westseite  war inzwischen komplett in der Sonne – konnten wir aus sichererer Entfernung dutzende kleine Lawinen beobachten, die über die untersten Felsstufen ins Kar stürzten. Das zeigte uns, dass wir uns für den Abstieg richtig entschieden hatten.

Wörner im Alleingang

Da die Bedingungen eigentlich ziemlich gut waren, meine Motivation ziemlich hoch und es bald wieder Schneefälle geben sollte, entschied ich mich, es ein zweites Mal zu versuchen. Normalerweise kommt es nicht vor, dass ich in so kurzer Zeit das gleiche Bergziel noch einmal probiere, aber irgendwie reizte es mich schon sehr.

3 Tage später, diesmal mit einem 40 m Seil und Abseilmaterial im Rucksack machte ich mich also  allein auf den Weg. Etwas früher gestartet, etwas schneller unterwegs und mit dem Wissen des ersten Versuches kam ich mit reichlich Zeitreserven an den Abzweig, an dem die Querung durch steile Schneeflanken oder der Weg zum Gully startet. Ich versuchte zunächst mein Glück bei der Querung, erkannte aber sehr schnell, dass die Wühlerei in dem schlechten Schnee mich nicht voranbrachte. Also lieber Richtung Gully stapfen. Dabei fiel mir rechts der Rinne, die zum Gully führt, ein schmaler Durchschlupf zwischen Felswand und einem Art Schneegrat auf. Ich wollte mir das Ganze näher ansehen. Da der Schnee mit zunehmender Steilheit immer besser wurde, war ich bald in einer schmalen Rinne, die rechts aus Felsen, links aus zusammengepresstem Schnee bestand und die sich mit ungefähr 70° Grad nach oben zog. Mit einem zweiten Eisgerät wäre es schöner gewesen – in Kombination von je einer Hand und einem Fuß am Fels auf der einen und mit Eisgerät und Steigeisen im festen Schnee auf der anderen Seite war es auch nicht schlecht. Ziemlich steil ging es so rauf, aber auch ziemlich geil zu klettern. Die Rinne wurde zu einem Schneefeld. An einem Punkt hatte ich die Möglichkeit, über eine Kante zu blicken. Zu meinem Erstaunen war ich exakt auf der gleichen Höhe wie beim ersten Versuch, nur eben 8 m weiter rechts: Diesmal stand ich nicht in dem Couloir, sondern an dessen Begrenzungsgrat. Über einen felsigen Teil ging es dem Gipfel zum Schluß immer näher.

Den traumhaften Ausblick genoß ich nur für ein paar Minuten. Die Sonne hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal unten den Wörnersattel erreicht. Über weniger steile, breite Schneefelder, die in etwa dem Normalweg entsprachen, ging es schnell hinunter und ich musste nur ein Auge darauf haben, wieder zu meinen alten Spuren zu gelangen. Dazu gab es zwei Möglichkeiten: Entweder konnte ich die Schneefelder etwa 200 m weit absteigen, die ganze Rippe umgehen und wieder aufsteigen oder ich wagte eine hässliche Querung, die sehr ausgesetzt war und leider wenig guten Schnee aufwies. Mit meinen Armen bis zu den Schultern und mit den Beinen am liebsten bis zur Hüfte im Schnee versenkt, traversieren ich mir meinen Weg ins leichtere Gelände. Von dort aus ging es, wie einige Tage zuvor, zurück zum Wörnersattel. Hier breitete ich all meine Sachen in der Sonne aus und trocknete sie ein wenig, bevor ich mich an den weiteren Abstieg bis nach Mittenwald machte.

Gipfelblick Wörner
Herrlicher Gipfelblick nach Süden.
Wörnersattel
Nachmittags am Wörnersattel

 

 

 

 

 

 

Beide Berge waren fantastische Unternehmungen in den heimischen Bergen und bestätigten mir, dass man hier genauso schöne Abenteuer finden kann, wie wenn man weite Autofahrten in Kauf nimmt. Die Berge haben dann halt keinen bekannteren Namen, aber eigentlich wähle ich eine Tour lieber nach dem, was mir der Weg bieten kann. Im Nachhinein habe ich noch mehr Berichte darüber gefunden, wie Leute unseren Weg zum Vorgipfel auf den Wörner genommen haben oder umgedreht sind. Ich glaube, Hartnäckigkeit kann sich auszahlen, auch wenn es nicht die teure Expedition ist, um die es geht. Bei manchen Touren diesen Winter hatten wir nicht so viel Glück, aber ich bin sehr zufrieden mit dem was sich auch mit geschlossenen Grenzen ergeben hat.

 

Bericht: Gregor Sewald

Bilder: Dirk Drabnig & Gregor Sewald

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